Sensorische Integrationstherapie

Es gibt immer mehr Kinder mit Problemen in ihrer Wahrnehmungs- und Bewegungsentwicklung und immer mehr Kinder mit Schulproblemen.

Die kalifornische Ergotherapeutin und Psychologin Dr. Jean Ayres hat in den 60er Jahren im Rahmen staatlicher Forschungsprojekte mit Kindern, „die anders sind“ befasst und daraus ein Erklärungsmodell für ihre Probleme entwickelt, das ein neues Verständnis für die normale Entwicklung begründet hat.

Ich möchte die wichtigen Zusammenhänge von Wahrnehmung, Bewegung, Handlung und Lernen näher beleuchten, um Verständnis für Probleme in diesem Zusammenhang zu wecken und Hilfe aufzuzeigen.

SI – was ist das?

Sensorische Integration (SI) ist ein anderes Wort für Wahrnehmungsverarbeitung. Sensorisch heißt die Sinne betreffend. Unsere Sinne sind die Organe und Türen zur Aufnahme von Sinnesinformationen. Ihre Fühler, die Sensoren, sind die Eingänge, durch die wir diese Informationen über unseren Körper und unsere Umwelt aufnehmen. Sensorische Integration ist ein lebenslanger , sich an immer neue innere und äußere Anforderungen anpassender Wachstumsprozesse im Nervensystem.

Die Entwicklung der sensorischen Integration

Sensorische Integration ist ein Teil der normalen Entwicklung. Zuerst muss der eigene Körper gefühlt , ausprobiert und erfahren werden, die Eigenwahrnehmung.

Dann wird mit dem Körper das Umfeld erfühlt, ausprobiert und erobert, die Fremdwahrnehmung.

Der Baum ist ein Bild, das die Entwicklung der sensorischen Integration verdeutlichen kann.

Die Wurzeln zeigen die Eigenwahrnehmung als lebenslang wichtige Grundlage. Sie gibt dem Baum Standfestigkeit.

Alle Früchte sind das Ergebnis von Wachstum und Reifung. Sie lassen sich nicht erzwingen. Ihre Reifung wird durch Sinnes-Nahrung ermöglicht und durch Liebes-Sonne gefördert. Beides sind notwendige Bedingungen für die Entwicklung des Kindes.

Wie fällt eine Störung der Sensorischen Integration auf?

Manche Kinder können sich schon gleich nach der Geburt nicht mit ihrem Umfeld anfreunden und reagieren abwehrend oder mit Unbehagen auf ganz normale Alltagshandlungen.

  • Sie mögen nicht berührt, gestreichelt oder bewegt werden
  • Sie lassen sich nur schwer beruhigen
  • Sie machen sich steif
  • Sie mögen sich nicht richtig anschmiegen
  • Auch das Stillen kann für Mutter und Kind zum Problem werden

Spätere Anzeichen, die auf Schwierigkeiten in der Wahrnehmungsverarbeitung hindeuten können:

  • Einbeinstand nur für kurze Zeit möglich
  • Verlieren beim Balancieren auf einem Balken schnell das Gleichgewicht
  • Benötigen zum Erlernen des Fahrradfahren sehr viel Übung
  • Vermeidet Kopf nach hinten zu legen oder auf wackelige u. höhere Gegenstände zu klettern
  • Schlaffe, schlacksige Haltung
  • Stolpert viel, bewegt sich plump und ungeschickt
  • Fallen oft hin, rempeln häufig an Gegenstände/Personen
  • Schwierigkeiten bei der Handlungsplanung
  • Verkrampfte Stifthaltung, Stifte brechen ab
  • Mangelndes Körperschema
  • Schwierigkeiten bei Koordinationsspielen (Hampelmann, Ballfangen/-werfen)
  • Feinmotorische Schwierigkeiten (Fingerspiele, Stifthaltung,..)
  • Vermeiden Körperkontakt und Umarmen
  • Probleme beim Puzzle, Nachbauen
  • Schwierigkeiten beim Ausmalen, Basteln, Schneiden
  • Kinder verstehen Ortsangaben wie „vor, neben, unter, hinter,“… nicht
  • Schwierigkeiten beim Nachklatschen oder Erlernen von Liedern und Gedichten
  • Sprache oft ungenau und verwaschen
  • Zappelig, unruhig, hyperaktiv, nervös, unzufrieden oder unfähig Regeln einzuhalten
  • Schlechte Konzentration, schlechte schulische Leistungen
  • Schwierigkeiten, ihre Kräfte zu dosieren, sind oft sehr impulsiv und aggressiv
  • Sehr wagemutig, draufgängerisch und ohne Gefahreneinschätzung
  • Abrupte Stimmungsschwankungen und Tobsuchtanfälle

Welche professionelle Hilfe gibt es?

Wenn es Ihrem Kind an Freude und Neugier mangelt, sich und die Umwelt zu erforschen, oder Sie mehrere Hinweise oder Zeichen finden, die Ihnen Sorgen machen, teilen Sie das beobachtete Verhalten Ihrem Kinderarzt mit. Eine gute Möglichkeit ist es auch, andere zu fragen, die das Kind kennen (z.B. im Kindergarten), ob sie ähnliche Anzeichen gesehen haben. Schreiben Sie sich ihre Beobachtungen auf, so haben Sie es leichter, dem Arzt genau mitzuteilen, was sie beobachtet haben. Sie helfen damit dem Arzt, gezielte Untersuchungen auszuwählen, um herauszufinden, welche Bedeutung diese Beobachtungen haben. Wenn nötig, wird er Sie zu einem anderen Facharzt überweisen, um eine genaue Diagnostik zu veranlassen. Oder er gibt Ihnen eine Verordnung für eine ergotherapeutische Abklärung von sensomotorisch perzeptiven Störungen. Diese kann zeigen, ob es sich um Störungen der Sensorischen Integration handelt, oder ob Sie andere Hilfe brauchen.

Wie wirkt die Sensorische Integrationstherapie?

Die ergotherapeutische sensorische Integrationstherapie dient der Verbesserung der Sensorischen Integration: Sie hilft die Aufnahme der Sinneswahrnehmungen zu strukturieren, und unterstützt die Vernetzung der Wahrnehmungsverarbeitung im Gehirn, um eine verbesserte Handlungskompetenz zu erreichen. Dies hilft Ihrem Kind, selbst erfolgreich zu sein und stützt damit seine Selbstsicherheit. Gleichzeitig trägt diese zu emotionaler Stabilität und sozialem Lernen bei. Es ist wichtig, dass die Ergotherapeutin die inneren Antriebskräfte im Kind erkennt und diese nutzt, um die Entdeckungslust und Neugier des Kindes zu wecken. Durch das ausgewählte Angebot mit dem genau richtigen Schwierigkeitsgrad hilft sie dem Kind, sein Gehirn zu entwickeln. Die Behandlung muss auf der Stufe der gelungenen Integration beginnen, um zu wirken. Das heißt, das Kind beginnt mit dem, was es kann, und wo es sich sicher fühlt. Durch den Erfolg wird das Kind ermutigt, neue Hürden zu bewältigen. Es wird nie Zwang ausgeübt, da dieser desintegrierend auf das Nervensystem wirkt. Die Behandlung beginnt mit der Befragung der Eltern. Daraus entwickelt sich eine Annahme, in welchen Sinnessystemen das Kind Schwächen hat, wo die Wahrnehmung vermutlich gestört ist, und welches die Stärken des Kindes sind. Dieser Eingangsbefund, zusammen mit der Einschätzung des kindlichen Entwicklungsstandes und den Stärken und Interessen bilden den Einstieg zu einem auf das Kind abgestimmte Therapieangebot. Die Art, in der das Kind reagiert und Handlungen entwickelt, zeigt, ob die Einschätzung richtig war. Um den Befund genauer zu bestimmen, wählt die Ergotherapeutin gezielte Beobachtungen und Tests für eine differenzierte Wahrnehmungsdiagnostik aus. Diese Befunde werden zu einem Befundprofil zusammengestellt. Auf der Basis dieser Gesamteinschätzung wird die Behandlung geplant, mit den Eltern besprochen und durchgeführt.

Was wird in der Sensorischen Integrationstherapie gemacht?

Für das Kind sind Bewegung und Spiel die „alltägliche Betätigung“ und damit das „Lernfeld“. Solche Handlungsfelder werden bei der Sensorischen Integration für die Entwicklung des Kindes genutzt. Die Behandlung kann deshalb ganz verschieden aussehen, manchmal wie ein Bewegungsspiel oder eine sportliche Übung, manchmal auch handwerklich. Die Angebote von Sinnesinformationen müssen in Auswahl, Dosierung und Kombination speziell auf den Befund des Kindes abgestimmt sein. Es ist wichtig, dass sie als Eltern mit in die Therapie mit einbezogen sind, damit Sie auch kleine Fortschritte erkennen können, die auf eine verbesserte Verarbeitung im Nervensystem hindeuten.

Beispiele:

  • Empfindet das Kind kaum Schmerz und fehlt ihm dadurch eine natürliche Gefahrenbremse, sollte unbedingt die Eigenwahrnehmung gestärkt werden. Der Gleichgewichtssinn sollte gefördert werden, z.B. durch kräftiges Schaukeln, Trampolin springen. Denn wenn dieser reift und sich weiterentwickelt, wird das Bedürfnis des Kindes, sich ständig neue Reize zu suchen, verringern.
  • Feinmotorische Fähigkeiten und das Zusammenarbeiten beider Hände kann gut bei handwerklichen Tätigkeiten gefördert werden. In der Werkstatt wird gemalt, gehämmert, ausgeschnitten und mit Tapetenkleister hantiert.
  • Wenn das Kind dauernd in Bewegung ist und immer hüpft, springt,wackelt und „nicht stillsitzen“ kann, dann braucht es für eine Weile verstärkt sogenannte tiefensensible-vestibuläre Körperwahrnehmung: Hängematte, Hüpfen, Körperspiele mit Ringen und Rangeln.

Der verordnenden Ärztin/dem verordnenden Arzt berichtet die Therapeutin über die Befunde, den Therapieverlauf und die erreichten Ziele.

Alle Beteiligten besprechen in Abständen die Fortschritte und beenden nach erfolgreicher Behandlung die Sensorische Integrationstherapie mit einem Abschlussgespräch und weitergehenden Empfehlungen zur Stabilisierung des Kindes.